kürzlich wurden Fragen aufgeworfen, die das Universale Haus der Gerechtigkeit veranlasst haben, Themen, die in der Textzusammenstellung „Fragen im Zusammenhang mit dem Studium des Bahá’í-Glaubens“1 behandelt wurden, weitergehend zu kommentieren.
Das Bahá’í-Prinzip, das zur Erforschung der Wirklichkeit aufruft, ermutigt jeden, der sich damit beschäftigen möchte, zu einer uneingeschränkten Suche nach Wissen und Wahrheit. Angewandt auf die Offenbarung Bahá’u’lláhs, ruft es unausweichlich weit gefächerte Antworten hervor. Einige nehmen, angezogen von der Botschaft, die Sache als ihre eigene an. Manche reagieren vielleicht positiv auf gewisse Grundsätze oder Prinzipien und kooperieren bereitwillig hin zu gemeinsamen Zielen. Einige halten sie vielleicht für ein interessantes soziales Phänomen, dessen Studium sich lohnt. Wieder andere, zufrieden mit ihren eigenen Vorstellungen, weisen vielleicht ihren Anspruch zurück. Bahá’í sind zu respektvollem Umgang mit den Anschauungen anderer angehalten und glauben, dass Gewissensentscheidungen nicht erzwungen werden dürfen.
Wenn man Bahá’í wird, akzeptiert man gewisse grundlegende Glaubenssätze; aber stets ist unsere Kenntnis der Lehren begrenzt und oft mit persönlichen Ideen vermischt. Shoghi Effendi erklärt: „Das genaue, sorgsame Begreifen einer so großen Ordnung, einer so erhabenen Offenbarung, eines so heiligen Glaubens liegt aus augenfälligen Gründen außerhalb des Bereiches und der Fassungskraft unseres begrenzten Geistes.“ Mit der Zeit weichen unreife Ideen durch Studium, Nachsinnen im Geiste des Gebetes und die Bemühung, das Bahá’í-Leben zu leben, einem tieferen Verständnis der Offenbarung Bahá’u’lláhs. Der Dienst an der Sache spielt eine besondere Rolle in diesem Prozess, denn die Bedeutung der Schrift wird klarer, wenn man Einsichten in wirksames Handeln umsetzt. Prinzipiell sollten individuelles Verständnis und individuelle Interpretation nicht unterdrückt werden, sondern wertgeschätzt wegen des wie auch immer gearteten Beitrags, den sie zum Gedankenaustausch in der Bahá’í-Gemeinde leisten können. Es sollte aber auch nicht erlaubt werden, dass sie durch dogmatisches Beharren des Einzelnen zu Streit und Auseinandersetzungen unter den Freunden führen; persönliche Meinung muss immer unterschieden werden von der Schrift und ihrer verbindlichen Auslegung durch ´Abdu’l-Bahá und Shoghi Effendi sowie von den Erläuterungen des Universalen Hauses der Gerechtigkeit zu „Probleme[n], die zu Meinungsverschiedenheiten geführt haben, Fragen, die unklar sind und Angelegenheiten, die nicht ausdrücklich im Buch behandelt werden“.
Wenn sich Bahá’í um Einsichten und Verständnis bemühen, kommen sie natürlicherweise mit Veröffentlichungen aus verschiedenen Quellen in Berührung. Ein Buch, das von einem unvoreingenommenen Gelehrten, der nicht Bahá’í ist, über die Sache geschrieben wurde, stellt für die Bahá’í auch dann kein besonderes Problem dar, wenn es gewisse Annahmen wiedergibt und Feststellungen trifft, die innerhalb einer bestimmten wissenschaftlichen Disziplin akzeptabel sind, jedoch in Widerspruch zur Bahá’í-Lehre stehen. Denn sie betrachten diese Auffassungen als aufrichtigen Versuch, ein religiöses Phänomen zu erforschen, das bis jetzt im Allgemeinen wenig verstanden worden ist. Jeder unvoreingenommene Versuch, wie unzureichend er auch erscheinen mag, den Glauben einer aufmerksamen Leserschaft verständlich zu machen, wird von Bahá’í-Seite aufrichtige Anerkennung für die dargebotene Perspektive und die in das Projekt investierte Forschungsleistung hervorrufen. Die Sache sieht jedoch ganz anders aus, wenn jemand bewusst den Glauben angreift. Hier haben die Freunde die unausweichliche Pflicht, sich so mit den Lehren vertraut zu machen, dass sie in geeigneter Weise auf eine solche Herausforderung, wenn sie auftritt, antworten und so die Integrität des Glaubens aufrecht erhalten können.
Bahá’u’lláhs eigene Worte geben Aufschluss über die angemessene Haltung, die wir einnehmen sollten. Er warnt die Gläubigen davor, „die Reden und Schriften der Menschen mit einem zu kritischen Auge zu betrachten“. „Sie sollen“, so Seine Anweisung, „sich diesen Reden und Schriften lieber im Geiste der Aufgeschlossenheit und liebevollen Wohlgesonnenheit zuwenden. Jene Menschen aber, die sich an diesem Tage dazu verleiten lassen, in ihren Hetzschriften die Lehrsätze der Sache Gottes anzugreifen, sind anders zu behandeln. Es ist aller Menschen Pflicht, eines jeden nach seiner Fähigkeit, die Argumente derer zu widerlegen, die den Gottesglauben angreifen.“
Vor eine andere Art Herausforderung sind wir gestellt, wenn ein Einzelner oder eine Gruppe, das Vorrecht der Bahá’í-Mitgliedschaft nutzend, verschiedene Mittel anwendet, um der Bahá’í-Gemeinde persönliche Ansichten oder ein ideologisches Programm aufzudrängen. In einem Fall zum Beispiel, der sich kürzlich ereignet hat, hat sich eine Person selbst zum „Bahá’í-Theologen“ erklärt, „der aus einer religiösen Gemeinschaft und für diese schreibt“, und dessen Ziel es ist, „die Anschauungen der Bahá’í-Gemeinde zu kritisieren, klarzustellen, zu läutern und zu stärken, um den Bahá’í zu ermöglichen, ihren relativ jungen Glauben zu verstehen und zu erkennen, was dieser der Welt bieten kann“. Behauptungen dieser Art gehen weit über den Ausdruck der persönlichen Meinung hinaus, die jeder Bahá’í frei äußern kann. Wie dargelegt, handelt es sich hier um einen Anspruch, der weit außerhalb des Rahmenwerkes von Bahá’í-Lehre und -Praxis liegt. Bahá’u’lláh hat den menschlichen Geist dadurch befreit, dass Er in Seinem Glauben jegliche Kaste mit geistlichen Vorrechten verboten hat, die bestrebt ist, eine sich selbst verliehene Autorität den Gedanken und dem Verhalten der Masse der Gläubigen aufzuzwingen. Tatsächlich hat Er ein System verordnet, das durch Beratungsabläufe demokratische Verfahren mit der Anwendung von Wissen verknüpft.
Das Haus der Gerechtigkeit ist zuversichtlich, dass die hier dargelegten Prinzipien es den Freunden ermöglichen werden, aus den vielfältigen Beiträgen, die aus der Erforschung der mannigfachen Aspekte der unermesslich großen Offenbarung Bahá’u’lláhs resultieren, Nutzen zu ziehen, und sie gleichzeitig unberührt bleiben von den Bestrebungen jener wenigen, die, offen oder verschleiert, die Bahá’í-Gemeinde von wesentlichen Glaubensinhalten wegführen möchten.
Mit liebevollen Bahá’í-Grüßen